Digitale Transformation im Bauwesen: Von 3D-Druck bis KI-gestützter Baubewilligung

Additive Fertigung: 3D-Betondruck setzt neue Massstäbe

Der 3D-Betondruck revolutioniert die Baubranche durch reduzierten Materialverbrauch, gesteigerte Effizienz und nahezu unbegrenzte gestalterische Freiheit. In Wallenhausen bei Ulm entstand ein Wohnhaus mit 380 Quadratmetern Nutzfläche für fünf Familien, dessen Wände in nur 90 Stunden gedruckt wurden. Das Projekt wurde vom Schalungsspezialisten Peri 3D Construction umgesetzt, einer 2022 gegründeten Tochterfirma mit rund 30 Mitarbeitern, die seit 2015 an der Technologie arbeitet.

Digitale Transformation im Bauwesen: Von 3D-Druck bis KI-gestützter Baubewilligung
© Looniverse (CC BY-SA 4.0)

Auch der Fertigteilehersteller Röser aus Laupheim nutzt 3D-Druck für architektonische Sonderanfertigungen wie Pflanzkübel, Sitzelemente und Gebäudeteile mit Reliefs oder Firmenlogos, die mit herkömmlichen Methoden nur schwer umsetzbar wären. Die Technologie ermöglicht es, nur das wirklich benötigte Material zu verbauen und Bauzeiten erheblich zu verkürzen.

Einen neuen Massstab setzt der 30 Meter hohe Turm Tor Alva am Julierpass, das höchste jemals gedruckte Bauwerk. Entwickelt von der ETH Zürich unter anderem von Professor Benjamin Dillenburger und Professor Walter Kaufmann, besteht der Turm aus 36 verzweigten Säulen aus 3D-gedrucktem Stahlbeton. Da sich der Druckroboter nicht zwischen herkömmlichen Bewehrungseisen bewegen kann, wurde eine «mitwachsende» Armierung entwickelt: Horizontale Ringe werden während des Drucks platziert, vertikale Stäbe anschliessend eingeschoben und mit selbstverdichtendem Mörtel vergossen. Das Projekt demonstriert erstmals lastentragenden 3D-Druck in dieser Grössenordnung.

Erdbebensicherheit und Materialinnovationen

Forschende der Universität Bristol testeten 3D-gedruckte Betonelemente auf dem grössten Rütteltisch Grossbritanniens auf Erdbebensicherheit. Ziel ist die Entwicklung neuer Bauvorschriften für additive Fertigungsverfahren in erdbebengefährdeten Regionen. Durch modifizierte «Slant Shear Tests» konnten die ETH-Forschenden zudem nachweisen, dass sich 3D-gedruckter Stahlbeton nun statisch zuverlässig bemessen lässt.

Auf der Materialseite forschen Unternehmen wie Holcim und Heidelberg Materials an nachhaltigeren Betonmischungen. Ein neu entwickelter Beton verursacht bei der Herstellung 70 Prozent weniger CO₂-Emissionen als herkömmlicher Baustoff. Zudem reisst gedruckter Beton CO₂ schneller aus der Luft wieder auf als gegossene Konstruktionen – ein Vorteil für die Ökobilanz, besonders bei Verwendung nichtrostender Stähle.

Building Information Modeling: Die sieben Dimensionen der Digitalisierung

Building Information Modeling (BIM) transformiert die Planungsphase in einen transparenten, effizienten Prozess. Das digitale Modell durchläuft sieben Dimensionen: Neben der räumlichen Darstellung (3D) integrieren die vierte und fünfte Dimension Zeit- und Kostendaten für Bauablauf- und Budgetkontrolle. Die sechste Dimension erfasst Nachhaltigkeitsaspekte wie Energieverbrauch und CO₂-Emissionen, während die siebte Dimension den digitalen Zwilling für das Facility Management über den gesamten Lebenszyklus bereitstellt.

Die Gruner AG bietet entsprechende Dienstleistungen von der 3D-Modellierung über 4D-Terminplanung und 5D-Kostenanalyse bis hin zu Kollisionsprüfungen und Scan-to-BIM. Durch frühzeitige Kollisionserkennung im digitalen Modell werden Konflikte zwischen Gewerken erkannt, bevor sie auf der Baustelle zu Rückbauten führen.

Von der Planung zur Baustelle

Die Technologie BIM2Field überträgt Planungsdaten direkt auf die Baustelle. Beim Bau des Firmensitzes der Ernst Selmoni AG kam beispielsweise der Hilti Jaibot zum Einsatz, ein Bohrroboter, der Aufhängungen millimetergenau und kollisionsfrei automatisch setzt. Augmented Reality (AR) ermöglicht es Bauleitern, über Tablets oder Brillen Abweichungen zwischen digitalem Modell und Realität sofort zu erkennen.

Die Vorfertigung profitiert besonders von BIM: Kabeltrassen und Lichtschienen inklusive komplexer Komponenten wie WLAN-Modulen und 5G-Antennen können werkseitig vorkonfektioniert werden. Die Elemente werden vor Ort nur noch zusammengesteckt, was die Qualitätssicherung maximiert und Bauzeiten verkürzt.

Adoptionsstand in der Schweiz

Trotz der Vorteile steht die Schweizer Baubranche bei der Digitalisierung noch am Anfang. Laut Digital Real Estate Index 2023 erreicht sie einen Reifegrad von 4,6 von 10 Punkten. Während drei Viertel der Schweizer Unternehmen BIM einsetzen, stagniert der Anteil seit 2019. Seit 2021 ist BIM für bundesnahe Betriebe und seit 2024 für Infrastrukturanlagen verpflichtend. Im internationalen Vergleich führen die Niederlande mit 22 Prozent aktiver Nutzung, während europaweit nur 10 Prozent der Bauunternehmen BIM aktiv einsetzen.

Virtuelle Modelle und digitale Infrastruktur

Für Planung und Vermarktung sind digitale Gebäudemodelle unverzichtbar geworden. swissBUILDINGS3D 3.0 Beta bietet landesweite 3D-Gebäudemodelle mit Dachformen und Dachüberständen, strukturiert nach dem eidgenössischen Gebäudeidentifikator (EGID) in 16 Kantonen. Die Daten dienen als Grundlage für Solaranalysen, Sichtbarkeitsstudien, Stadtplanung und 3D-Visualisierungen.

Architekturvisualisierungen wie die der Agenturen STOMEO und Raumdimension ermöglichen es, Immobilienprojekte fotorealistisch darzustellen. Durch Virtual Reality können Kunden Räume bereits vor dem Baubeginn virtuell begehen, was Planungsfehler reduziert und Verkaufsprozesse beschleunigt.

KI-gestützte Baubewilligungen und Automatisierung

Das Institut Digitales Bauen FHNW erforscht an der Swissbau die digitale Transformation des Bewilligungsverfahrens. Im Projekt «Prototyp eGovernment im Brandschutz» wurden regelbasierte Prüfverfahren entwickelt, die Brandschutzanforderungen am digitalen Bauwerksmodell abfragen.

In Zusammenarbeit mit der Stadt Winterthur und dem Start-up Squaretech entsteht ein KI-basierter Chatbot, der Gesuchsstellende bei der korrekten Eingabe unterstützt, sowie ein «Compliance Checker», der formale Fehler automatisch vorprüft. Diese Werkzeuge sollen die Prozesse effizienter, transparenter und kundenfreundlicher gestalten.

Herausforderungen auf dem Weg zur Baustelle 4.0

Obwohl die Technologie bereitsteht, hakt die Umsetzung noch an verschiedenen Stellen. Die Baukosten für gedruckte Gebäude liegen derzeit noch leicht über dem konventionellen Ansatz, doch der Break-even ist durch sinkende Materialkosten und Lernkurven in Sichtweite. Ein grösseres Hindernis ist die fragmentierte Softwarelandschaft: Verschiedene Programme für Planung, Statik und Kostenplanung sind oft nicht kompatibel.

Auch die Baubürokratie bremst: In Deutschland unterscheiden sich die Vorschriften von Bundesland zu Bundesland, was nationale Standards verhindert. Der Fachkräftemangel treibt die Digitalisierung jedoch voran, da 3D-Druck und BIM den Bedarf an körperlich belastender Arbeit reduzieren und junge Fachkräfte anziehen.

Unternehmen wie Bau-3D schliessen die Lücke zwischen analoger Baustelle und digitaler Planung durch präzise 3D-Scanning-Dienste und Scan-to-BIM-Lösungen, die eine verlässliche Datengrundlage für Sanierung und Neubau schaffen.